Märchen - Juni

Alles geht schief
ein Märchen aus Litauen,
2014 leicht bearbeitet von Barbara SCHEEL,
Märchenerzählerin im BABUSCHKA-Theater.

Märchen als Pdf Download zum Ausdrucken und Vorlesen  

Bitte beachten: Märchen nur für den persönlichen Gebrauch speichern/drucken. Jede Veröffentlichung muss mit der Autorin (Barbara Scheel) abgesprochen werden.

Es war Winterszeit und die Seen waren zugefroren. Da fuhr ein Händler mit seinem Wagen über einen See. Der Wagen war schwer beladen. Als er an eine gefährliche Stelle kam, brach das Eis. Während er sich mühselig herauszuhelfen wusste, versank das Pferd und mit ihm der Wagen und alles, was darin war. Als der Mann ans Ufer kam, war er nass und erschöpft. Aber was sollte er tun? Er machte sich auf den Weg und suchte ein Dorf. So lief er den ganzen Tag, wurde müder und müder und bekam großen Hunger.

Endlich fand er ein Dorf und betrat eine kleine Hütte, um ein Nachtlager zu erbitten. Dort wohnte eine alte Frau. Die richtete gerade eine Taufe aus. Das Festessen war schon vorbereitet, der Tisch gedeckt. Da sagte die Frau: "Am anderen Ende des Dorfes wohnt noch eine Alte. Sage ihr, dass sie zu uns kommen soll!" So ging der Mann los und richtete aus, was ihm die Alte aufgetragen hatte. Aber die sagte: "Ich kann nicht mit dir kommen!" So kehrte er zurück zur Hütte und richtete aus, was die  Alte gesagt hatte. "Na gut, dann pass du derweil auf das kleine Kind auf. Es darf nicht herunterfallen, und die Katze darf es nicht zerkratzen! Ich werde selber einmal losgehen."

Inzwischen schlich sich die Katze an das Kind heran, und als der Mann die Katze sah, wollte er sie schlagen, erschlug aber – ungeschickt wie er war – das Kind. Er erschrak ganz fürchterlich und merkte, dass es wohl übel für ihn stand. Er nahm also einen Sack, raffte alles zusammen, was für das Festessen vorbereitet war, und lief schnell hinaus.

Er wanderte bis es hell wurde und noch den ganzen folgenden Tag und kehrte nirgends ein. Schließlich sah er einen Heuschober und schlich sich hinein. Dort wollte er seinen Sack öffnen und endlich etwas essen. Doch es dauert nicht lange, da kam ein Wagen angerumpelt und ein Mann betrat die Scheune und fing an, Heu aufzuladen. Da sprang der Händler aus dem Heu und schrie: "Wo soll ich denn bleiben, wenn Ihr mir das Heu unter den Füßen wegnehmt?" Der Mann aber entgegnete: "Tritt mir das Heu fest!" Sie luden gemeinsam den Wagen voll, der Händler trat das Heu fest, und dann fuhren sie los.

Schließlich kamen sie zu einem großen Gut. Dort riss der Mann in das Dach des Speichers ein Loch, ließ den Wanderer mit Stricken hinab und sagt: "Was du da findest, schicke mir mit dem Seil hinauf!" Als alles angebunden und hinaufgeschafft war, wurde der Strick in den Speicher hinabgeworfen und der Händler war eingeschlossen. "Was fange ich nun an?", fragte er sich. Er schaute durch einen Spalt in der Wand des Speichers und sah beim Bauern Licht. Er trat gegen den Türpfosten und machte gehörig Lärm. Neugierig kam der Bauer zum Speicher, schloss auf und öffnete die Tür – da sprang der Händler fix hinaus und lief davon und lief so schnell er konnte zum Wald, und als er so lief, begann es zu tagen.

Und er lief wieder den ganzen Tag und fand kein einziges Häuslein, in dem er sich hätte ausruhen können. Doch da standen hohe Bäume unweit seines Weges. Also  kletterte er auf einen der Bäume um zu sehen, ob nicht ein Dorf in der Nähe wäre. Aber der Baum war hohl, und der Händler fiel durch das oberste Loch in das Innere und rutschte und rutschte und rutschte bis er ganz unten war. Da saß er nun die ganze Nacht.

Früh am nächsten Morgen kamen Leute und wollten den Baum fällen. Sie machten sich bereit und fingen an, mit einer großen Axt zuzuschlagen. Dem Händler ward angst und bange. Die Säge berührte schon seine Haare. Aber er duckte sich und hielt aus und wartete, bis der Baum ganz durchgesägt war. Als der Baum sich endlich zur Seite neigte, sprang er schnell heraus. Die Leute meinten, er wäre der Teufel, ließen alles stehen und liegen – sogar ihren Wagen – und rannten davon. Der Händler setzte sich auf den  Wagen und fuhr los.

Er war noch nicht weit gefahren, da kam er an ein Haus. Dort wohnten eine Mutter und ihre Tochter, und die beiden hatten keinen Mann. Sie bewirteten ihn und fragten: "Willst du nicht bei uns der Mann im Haus sein?" – Er sagt: "Ja, das kann ich tun." Und weil sie kein Feuerholz hatten, fuhr er in den Wald, um Bäume zu fällen. Er ließ den Wagen nicht weit von einer Fichte entfernt stehen und fing an, den Baum zu fällen. Als nun aber die Fichte niederfiel, erschlug sie das Pferd. Er ging zu seinem neuen Weib in das Haus und erzählte ihr die Geschichte. Sie schimpfte und klagte, doch er nahm nur das Beil und ging fort.

Auf seinem Weg kam er an einen See. Dort schwamm eine Ente. „Au fein!“, dachte er, „Die werde ich erlegen!“, und schleuderte sein Beil nach ihr, doch er traf sie nicht. Das Beil sank auf den Grund, und die Ente flog davon. Er legte seine Kleider am Ufer ab und schwamm in den See, um das Beil zu suchen. Aber als er zum Ufer zurückkam, fand er seine Kleider nicht mehr dort. Sie waren gestohlen. So ging er ohne Kleider nach Hause.

Als seine Schwiegermutter ihn erblickte, so, wie Gott ihn erschaffen hatte, sagte sie:  "Wo warst du so lange? Wir haben zu deinem Namenstag ein Festessen vorbereitet!“  

Aber er stand da, nackt und hungrig. So führte sie ihn in die Kammer, wo das Festessen vorbereitet war und gab ihm ein Brot mit Butter drauf. Er schaute sich um, legte das Brot auf die Schwelle und zog den Stöpsel aus dem Bierfass, um sich ein Bier zu genehmigen. Der Hund sah das Brot und packte es. Der Mann jagte hinter dem Hund her, aber erreichte ihn natürlich nicht. Als er außer Atem und frierend zurückkam, fand er kein Bier mehr im Fass, denn alles war ausgelaufen. In einer anderen Kammer war ein noch größeres Fass. Das war leer, und er kroch in das Fass, um sich zu wärmen. Was er nicht wusste, war, dass das Fass innen frisch mit Pech bestrichen war. Als er wieder herauskroch, klebte das Pech an ihm. Da waren aber auch die Federn in einer offenen Truhe, die frisch gerupft waren. Und als er so hin und her sprang, weil das Pech sehr klebte, fiel er in die Truhe mit den Federn, und als daraus hervorstieg, klebten die Federn an ihm.

Als die Schwiegermutter die Tür öffnete, meinte sie, der Teufel sei in der Kammer und bekam einen fürchterlichen Schreck. Doch davon erholte sie sich schnell wieder.

Wie es mit dem Pechvogel weiterging, kann ich nicht erzählen. Wer’s wissen will,  gehe weit ins Land der Litauer und suche ihn!

Der Originaltext ist zu lesen unter:  www.hekaya.de/maerchen/

  
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