JAPAN: Besondere Veranstaltung Ostermontag,
    25.4.2011, 15 Uhr.

Die beiden japanischen Frösche
 
Japanische Fabel, bearbeitet von Barbara Scheel
Märchenerzählerin im BABUSCHKA-Theater,

Märchen als Pdf Download zum Ausdrucken und Vorlesen
Bitte beachten: Märchen nur für den persönlichen Gebrauch speichern/drucken. Jede Veröffentlichung muss mit der Autorin (Barbara Scheel) abgesprochen werden.

Japanische Frösche sind genauso wie deutsche Frösche: neugierig und sprungbereit. Zwei dieser Frösche lebten einst weit von einander entfernt, der eine in Osaka und der andere in Kyoto, der kaiserlichen Stadt. Und wie es oft so kommt: beide hatten einen Plan, über den sie lange nachdachten, viel beredeten und schließlich ausführten. Sie wollten beide zur selben Zeit aus ihrer Stadt weggehen, um eine andere Stadt kennen zu lernen. Der Frosch aus Osaka wollte nach Kyoto springen und der Frosch aus Kyoto wollte sich Osaka ansehen.
 
Also machten sie sich auf die Reise. Ein Sprung nach dem anderen katapultierten sie sich vorwärts, machten viele Pausen, fingen Mücken und Fliegen, um nicht zu hungern und zu darben und kamen beide an den Berg, der zwischen den beiden Städten liegt. Sie mühten sich ab, sie schnauften und pausierten, sie dachten ans Umkehren, aber sie hatten das Ziel vor Augen und hielten durch. Nach langen Mühen kamen sie beide zur gleichen Zeit oben auf dem Berg an.
 
Da besahen sie sich erstaunt, begrüßten sich höflich und befragten einander, wohin die Reise gehen sollte. Als sie hörten, weshalb sie auf Wanderschaft waren, lachten sie aus vollem Halse, kugelten vor Vergnügen auf dem weichen Gras und beschlossen, ein wenig zu ruhen.
 
„Ob sich wohl die weite Reise lohnt?“, fragte der eine Frosch. „Wenn wir Tiere mit hohen Beinen und langen Hälsen wären, könnten wir von diesem Gipfel aus die beiden Städte sehen und wüssten bald, ob sich die Reise lohnt.“ – „Nun, wir können uns größer machen als wir sind!“, erwiderte der andere Frosch. „Wir müssen uns nur auf unsere Hinterbeine stellen und uns ordentlich recken, dann können wir die andere Stadt bestimmt erblicken.“
 
Der Vorschlag war grandios! Die Frösche stellten sich beide auf die Hinterbeine, streckten sie lang aus, umschlangen sich mit den Vorderbeinen, um sich gegenseitig Halt zu geben und steckten die Nasen in Richtung der Stadt, die sie besuchen wollten. Lange betrachteten sie das, was vor ihnen lag. Was sie aber nicht bedacht hatten, war die Tatsache, dass ihre Augen auf dem Kopf ganz oben saßen und nicht, wie bei den Menschen neben der Nase. So sahen sie – als sie ihren Kopf so empor reckten – ihre eigene Stadt vor sich liegen.
 
„Die Stadt, die ich sehe, sieht genauso aus wie meine eigene Stadt!“, riefen sie fast gleichzeitig aus. Und indem sie sich von einander lösten und sich höflich voreinander verbeugten, sprach der Frosch aus Osaka: „Kyoto sieht genauso aus wie Osaka!“, und der andere Frosch ergänzte: „Osaka sieht genauso aus wie Kyoto!“, und sie waren sich einig, dass man sich den weiten Weg sparen könne. Dann sagten sie sich „Aligato!“, was so viel heißt wie „Danke!“, verbeugten sich noch einmal und machten sich auf den Heimweg.
 
Zeitlebens waren sie der Meinung, dass Osaka und Kyoto sich wie ein Ei dem anderen gleiche und sich eine Reise in die andere Stadt wirklich nicht lohne. Nur wir Menschen wissen, dass dem nicht so ist.
 

  
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