Dsegh, Provinz Lori, Armenien

Nördlich des Aragaz –
ein internationales Festival der besonderen Art in
Dsegh, Provinz Lori, Armenien

Ende Mai / Anfang Juni 2011

Dsegh und die schneebedeckten BergeNein, es gebe keine Verkehrsverbindung von Yerevan nach Dsegh in Armenien, sagte die Angestellte im Reisebüro. Aber das Festival fand in Dsegh statt! Der Tipp der Deutschen Botschaft war: „Fahren Sie mit dem Taxi!“ - 140 km mit dem Taxi fahren???? Bin ich Krösus????

Es schien, als könne ich der Einladung nach Armenien nicht Folge leisten. Wie sollte ich die 140 km überwinden, um rechtzeitig in den Norden des Landes zu kommen, in die Nähe der Georgischen Grenze??? Ich konnte die logistischen Probleme nicht lösen. Ich hatte allerdings die Menschen in Armenien vergessen: meine wunderbaren Kollegen in diesem interessanten, ungewöhnlichen Land! Sie wussten auch in verzweifelten Situationen immer Trost: „Wir sind in Armenien! Es wird alles gut!“ Und so war es dann auch.

Was sollte ich als Reisegepäck mitnehmen? 20 kg sind nicht viel! Was sollte ich der internationalen Post anvertrauen? Meine Figuren wollte ich ihr nicht anvertrauen. Man hat ja so manches gehört . . . Schließlich ist Armenien Nachbar von Aserbaidschan, Iran, Türkei und Georgien. . .

Meine Figuren und Requisiten wogen genau 19,3 kg, der Stoff für den Bühnentisch 2 kg. Also hatte ich noch 2 kg für Geschenke (Freundschaftspins, Schokolade und kleine Bücher über Deutschland), 1 kg für Medikamente und 0,7 kg für Kleidung, Bücher, Kosmetika und ein Handtuch – na, was man eben so zum Leben in der Fremde braucht. 25 kg insgesamt, denn das Handgepäck durfte 5 kg nicht übersteigen.

Haben Sie schon einmal einen Reisekoffer gepackt? Nur 700 g Kleidung für 3 Wochen - das ist doch unmöglich! Da müssten ja die Kleider aus Luft (à la „Des Kaisers neue Kleider“) und die Kosmetika ausschließlich himmlische Düfte sein! Nein, das war keine Lösung. Also schickte ich – schlau wie ich bin – die Kleidung 4 Wochen vor meiner Abreise nach Yerevan an die Adresse meiner Kollegen dort. Durchschnittliche Dauer der Sendung: 12 Tage – sagte die Post.

Abend in Yerevan, Armenien 2011Als ich in Yerevan ankam, war weder mein Reisegepäck da (meine Reaktion: Nervenzusammenbruch) noch war das Paket mit der Kleidung angekommen (meine Reaktion: „Hab ich’s nicht geahnt!“), aber ich hatte entgegen meiner sonstigen Gewohnheit meine Unterwäsche doppelt übereinander, außerdem 2 T-Shirts und einen leichten Pullover, sowie eine Strickjacke und einen leichten Mantel für den Flug angezogen. Resultat: Schweißausbrüche. In der Handtasche hatte ich nicht nur Fotoapparat, Laptop, Miniwaschzeug, Reservekosmetika und ein dickes Buch, sondern auch noch eine dünne lange Hose neben den notwendigen Reiseunterlagen untergebracht. Diese Tasche wird ja nicht gewogen, bevor man an Bord geht!

Yerevan und der Ararat am AbendNachts um 04 Uhr kam ich in Yerevan an, hatte meinen Nervenzusammenbruch wegen des Gepäcks bald überwunden, trat in die schwüle Nacht hinaus, wurde von meinen Kollegen mit dem oben angeführten Trost versehen und herzlich umarmt, in eine kleines, feines Hotel gebracht und durfte duschen, ein wenig schlafen und am Vormittag Yerevan und den Ararat live sehen.

Armenien, Yerevan, Kirche 2011Nein, auch am nächsten Tag kamen die beiden Gepäckstücke nicht. Ich ging ins National-Museum (sehenswert und teilweise sogar englisch beschriftet!), bummelte durch die Straßen und hatte immer Angst, ich würde NIEMALS wieder ins Hotel zurück finden, denn die wenigsten Armenier sprechen Englisch (oder Deutsch) und die Schrift ist etwas zwischen Chinesisch, Russisch, Indisch und Eskimo. Das heißt: ich konnte sie nicht lesen. Aber es geht alles. Die Leute sind sehr freundlich und meine Kollegen sehr erfahren im Auffinden einer ausländischen Puppenspielerin. ES GING ALLES GUT!

Reisegepäck ENDLICH da !!! Kurz vor der Abfahrt nach segh (sprich: Desärch) wurde mir gesagt, dass das Fluggepäck in einem großen Hotel in der Innenstadt abgeholt werden könne. Nach meinem Kleiderpaket mussten wir noch ein wenig fahnden, aber schließlich wurde es mir von einer sehr freundlichen Postbediensteten ausgehändigt (und ich bin SOFORT ins Hotel gefahren und habe mich umgezogen!!!!).

Die Fahrt nach Dsegh mit sämtlichem Gepäck (ich habe es nicht mehr aus den Augen gelassen!) war eine Reise über weite Hochebenen, vorbei an schneebedeckten Bergen, über gut ausgebaute Straßen und abenteuerliche, kurvenreiche Sträßlein.

Landschaft um Dsegh Dsegh ist ein Dorf mit rund 3.000 Einwohnern, malerisch an einer tiefen Schlucht gelegen, von grünen Wiesen umgeben. Steile Hänge, Kirchen, die dem Verfall preisgegeben sind, Bauern, die ihre Jeeps sowjetischer Bauart hegen und pflegen, Kühe, die gemächlich von der Weide trotten und Obstbaumblüte und das Summen der Bienen – das alles Ende Mai. Ein kleines Paradies. Zwar sind die Menschen dort arm und leben teilweise in Häusern, die wir noch nicht einmal als Wochenendhaus mieten würden, aber ich hatte nie das Gefühl, dass sie zu arm sind, um das Leben und das, was ihnen angeboten wird, zu genießen. Um die Häuser herum sah ich gepflegte Gärten mit Kartoffeln, Knoblauch, Salat und Kräutern. Hühner halfen, die Insekten zu vertilgen. Allenthalben krähten die Hähne um die Wette, und die Hunde antworteten, obwohl sie nicht gemeint waren.

Meine Gastfamilie in Dsegh, Armenien 2011Als ich in Dsegh ankam, sollte ich mit zwei Kollegen aus Tschechien und zwei Kollegen aus der Slowakei bei einer Familie untergebracht werden. Das Auto hielt vor dem Haus. Eine kleine, freundliche Frau kam auf mich zu und sagte in hervorragendem Deutsch: „Guten Tag! Herzlich Willkommen!“ Mir verschlug es die Sprache. Es stellte sich heraus, dass Suzana Toumanian eine der beiden Deutschlehrerinnen des Dorfes war. JA! Hier lernen die Schüler Deutsch in der Schule! Suzana Toumanian, ihre Deutschklasse und ich. Diese Schüler spielten ein wunderbares Puppenspiel mit großem Engagement. DANKE für dieses Erlebnis!! Diese Überraschung war gelungen! Schnell stellte sich heraus, dass ich die erst Deutsche war, die die Kinder jemals gesehen haben und auch sprechen hörten. Dass ich mit in die Schule ging, um ein bisschen mit ihnen zu sprechen und ihre Fragen zu beantworten, war selbstverständlich. Und auf der Straße grüßten mich die Kinder alle auf Deutsch – und einige getrauten sich auch, eine Frage zu stellen und kicherten dabei so sehr, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen.

Die Gastfreundschaft meiner Gastfamilie war umwerfend. Ich bekam armenisches (köstliches) Essen, es wurden alle Fragen beantwortet und es wurde auch geklärt, warum in diesem Dorf die Kinder Deutsch lernen: Es gab keine Englischlehrerin.

Schließlich eroberte ich in den freien Stunden das Dorf. Viele Fotos entstanden.

Kollegen aus 15 verschiedenen Ländern hatten sich in diesem Dorf „am Ende der Welt“ – wie einer der Kollegen es formulierte – eingefunden, um hier ein Puppentheater-Festival der besonderen Art zu gestalten. Ins Leben gerufen und organisiert wurde es von Armen Safaryan, dem Vorsitzenden der UNIMA Armenien (UNIMA = Union International de la Marionnette), und wird seit 6 Jahren durchgeführt. Es heißt das „Internationale Toumanian-Märchen-Festival“ und findet jeweils im Mai statt. Im September tummeln sich dann die nationalen Puppenspieler in Dsegh.  

Der Schriftsteller Hovannes Toumanian im Foyer des Kulturhauses in DesghHovannes Toumanian (1869 – 1923) war ein armenischer Schriftsteller, der in Dsegh, Provinz Lori, geboren, weit gereist, in Moskau gestorben und in Tiblisi begraben ist. Er schrieb nicht nur sehr poetische Gedichte und Erzählungen, er übersetzte auch u.a. englische Literatur (z.B. Shakespeare) ins Armenische. Er sammelte armenische Märchen und übersetzte sie teilweise ins Englische. (Einige der Märchen habe ich ins Deutsche übersetzt. Sie können per Mail bei mir abgerufen werden). Ihm zu Ehren findet das Festival jedes Jahr in Dsegh statt. Geburtshaus des Schriftsteller Hovannes Toumanian in DesghDort ist das Geburtshaus zu besichtigen – eine ärmliche Behausung mit Lehmfußboden, einem einzigen Lichtloch in der Decke, einem alten Backofen und einem Glutofen für das Fladenbrot. Der Anbau, den Toumanian seinen Eltern und Geschwistern finanzierte, ist schon etwas moderner, aber Anfang des 20. Jahrhunderts hatte man andere Maßstäbe für den Wohnkomfort als heute!

Die Puppenspiel-Veranstaltungen im großen Saal des Kulturhauses waren alle gut besucht. Es wurde kein Eintrittsgeld erhoben, und wenn die Schüler aus der Schule kamen, sind sie „schnell noch“ ins Theater gegangen. Abends kamen dann die Erwachsenen zusammen mit den Kindern. Die wenigen Workshops waren ausgebucht und zeigten die ganze Kreativität der Bewohner von Dsegh – und die meiner Kollegen.

Natürlich waren alle meine Kollegen bemüht, so gut und so ausdrucksvoll zu spielen, wie es eben ging, aber es war schwierig für die Kinder, ein ganzes Theaterstück in einer fremden Sprache zu verfolgen. Dennoch schienen sie fasziniert und blieben die ganze Woche über neugierig und interessiert.

Aufführung Station des Theaters AAGRIN aus dem Iran - WUNDERBAR!!!Es waren wunderbare Vorstellungen dabei! Eine möchte ich besonders erwähnen, denn ich habe mich in sie verliebt. Die Gruppe AAGRIN-Theater aus dem Iran spielte: “Station“. Nein, man brauchte kein Iranisch zu können, um das zu verstehen! Es war ein hinreißendes Stück über Verständigung: Zwei Menschen verpassen einen Zug, sitzen auf der Bank am Bahnsteig und beginnen, sich zu unterhalten. Erst allmählich wird klar, dass sie verschiedene Sprachen sprechen. Langsam und zögerlich entwickelt sich eine Verständigung mittels Puppenspiel, bis . . . ja, bis sie den nächsten Zug auch noch verpassen.

Schattenspiel der ARYRUDZI, YerevanDie Schattenspieler aus Armenien mit ihren faszinierenden Liedern und ihren witzigen Schattenszenen zeigten ein poetisches, temperamentvolles Armenien, die russischen Puppenspieler ein einprägsames Weihnachtsspiel, Dänemark brachte H.C. Andersen ins Spiel, Belgien eine Froschgeschichte für Kinder, und Deutschland wurde von mir vertreten. Ich spielte „Was für wunderbare Helden!“, ein ungarisches und ein russisches Märchen. Diese Vorstellung ist schon viel herumgereist, war in Japan und Korea, in Russland und ganz Europa. Nun also auch in Armenien.

Weil „Was für wunderbare Helden!“ ein kleines Stück ist, durfte ich in einem kleinen Saal spielen, in den 30 Stühle gestellt wurden. Mehr Stühle waren nicht vorhanden. Aber es kamen 150 Zuschauer! Sie saßen überall: auf dem Boden, auf der Heizung und den Fensterbänken; viele standen. Und als ich bekannt gab, dass ich ja noch einmal spielen würde, und diejenigen, für die das Stehen beschwerlich sei, doch zur nächsten Vorstellung kommen sollten, hatte ich erwartet, dass wenigstens 20 Zuschauer gehen würden. Keiner ging. Die Luft wurde warm, das Licht wurde ausgeschaltet, und ich begann zu spielen. Es war eine schöne Vorstellung. Sie unterschied sich ein wenig von denen in Eppingen, denn vor dem Spiel wurden die Geschichten jeweils in Kurzfassung erzählt, damit auch JEDER sie verstehen konnte. Großer Applaus am Ende und Blumen und Umarmungen und Autogrammwünsche.

Zur zweiten Vorstellungen kamen Schulklassen aus einer Schule, die 70 km von Dsegh entfernt liegt. Die Kinder kamen mit dem Bus und verfolgten die Vorstellung – zu der wieder viel zu viele Zuschauer Einlass begehrt hatten – mit großem Interesse. Am Schluss sagten sie strahlend: „Wir haben ALLES verstanden!“ Das war ein großes Lob und eine besondere Freude für mich. Und als großartige Erinnerung bleibt es mir im Gedächtnis.

Jedes Festival geht zuende, jede Reise hat ihr Ziel. Meine letzten Tage in Armenien verbrachte ich bei großer Hitze in interessanten Museen – unter anderem im Toumanian-Museum in Yerevan, dem Ethnologischen Museum und dem Museum zu Ehren des berühmten armenischen Regisseurs Sergej Parajanov.

Armen SafaryanDie UNIMA Armenien war Gastgeberin des Festivals. Aber was eigentlich noch viel, viel wichtiger war: Die UNIMA Armenien, allen voran Armen Safaryan, haben mir gezeigt, dass mit Engagement, Liebe zum Puppenspiel, Freundlichkeit und Können eine ganze Welt in ein kleines Dorf getragen werden kann. Dort fiel das Korn auf fruchtbaren Boden. Eine Schülergruppe der Schule, in der Suzana Toumanian Deutsch unterrichtet, hatte mit ihr zusammen ein temperamentvolles Puppenspiel eingeübt – diesmal auf Armenisch – und es war eines der schönsten Puppenspiele, die ich an diesem Ort gesehen habe. Die jungen Menschen waren mit einer Begeisterung dabei, die wir Profis manchmal vermissen lassen. Sie haben sich viel abgeschaut von den Puppenspielern, haben den Text mit Suzana Toumanian zusammen geschrieben, haben sich Figuren von Armen Safaryan ausgeliehen, haben Requisiten gebaut und geübt. Ich habe diese jungen Menschen sehr bewundert und ihnen von Herzen gratuliert.

Wieder zurück in Eppingen. – Was bleibt?

Armenien ist ein faszinierendes Land mit einer herrlichen Landschaft, freundlichen Menschen, einer alten Kultur und wunderbaren Kollegen, denen ich für dieses Abenteuer ganz herzlich: „DANKE!“ sage, vor allem aber möchte ich meiner Bewunderung für Suzana Toumanian Ausdruck geben, die ihre Schüler zu solch einer hinreißenden Leistung ermuntert hat. Man muss es erlebt haben!

  

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