Hongkong - China - Japan 2012

Der ferne Osten –
ein Abenteuer der besonderen Art – Mai und Juni 2012

HONGKONG

Hongkong 2012Nein, in Hongkong habe ich kein Auto gemietet, denn dort fahren die Autos – ein Relikt aus der britischen Zeit – links. Und außerdem waren die Taxifahrer preisgünstig, zuverlässig, freundlich und höflich. Hongkong ist eine riesige Stadt, die keinen alten Kern zu haben scheint. Hochhäuser, so weit das Auge reicht und Neubauten an jeder freien Stelle. Parks mit vielen Verbotsschildern. Verkehr wie in Berlin zur Rushhour. Moderne Geschäfte, in denen man alles kaufen kann und kleine, gemütliche Restaurants, in denen keiner Englisch oder gar Deutsch spricht.

Und als ich endlich den Mut hatte, ein solches Restaurant zu betreten, mir die Hongkong 2012 chinesische Speisekarte gereicht wurde und keiner Englisch sprach, bat ich pantomimisch die Bedienung, etwas für mich auszusuchen. Es war ein wunderbares, kantonesisches Essen, das mich dazu verleitete, am nächsten Tag wiederzukommen – mit Hallo wurde ich von der Bedienung und dem Koch begrüßt. Aber es gab auch zwei Straßen weiter das Schild der Behörden, welches verbot, an einem kleinen buddhistischen Tempel religiöse Zeremonien abzuhalten . . .

Hongkong ist ein zwiespältiger Ort, an dem man kaum ahnen kann, wie es in Zentralchina, dem Mutterland, ist. Frauen von dort versuchen unter großen Opfern, ihr Kind in Hongkong zur Welt zu bringen, denn ein Kind, das in Hongkong geboren wird, ist automatisch Hongkongese und unterliegt nicht der landesweiten Geburtenkontrolle – auch wenn er/sie später im Mutterland leben sollte. Das ist nur eine der vielen Besonderheiten, die mir in Deutschland nicht zugänglich waren - Reiseführer hin oder her.

Festival PlakatUnd dann das kleine international bestückte Festival des MingRi-Instituts in Hongkong! Wunderbar! Es fand in einer Grundschule statt. Alle Vorstellungen waren bis auf den letzten Platz besetzt, das Betreuungsteam war freundlich, hilfsbereit und kompetent. Kollegen aus Frankreich, Holland, der Schweiz, Belgien und Deutschland gaben Vorstellungen und Seminare. Es wurde gemeinsam über die Bedeutung des Kindertheaters für die Bildung und die soziale Einbindung in die Kommune diskutiert. Visionen von selbstverständlicher Integration von Puppentheater in die Lehrerbildung und in den Schulunterricht wurden entworfen. Und keiner zweifelte daran, dass es zwar noch viele Jahre harter Arbeit bedürfe, aber letztlich doch möglich – und notwendig – sei. Therapeutische Aspekte, aber auch die Vielfalt der erforderlichen Kompetenzen, wenn man Puppenspiel in der Schule und im Freizeitbereich durchführt, waren Grundlagen dieser Forderung.

Das BABUSCHKA-Theater war mit „Was für wunderbare Helden!“ und einem Ganztages-Seminar „Therapeutisches Puppenspiel“ am Festival beteiligt. Beides war ein großer Erfolg, und die Einladung, doch an Universitäten in Hongkong und in Zentralchina zu unterrichten und das Wissen weiterzugeben, war bald ausgesprochen. Ich bin mir nicht so sicher, ob das Wirklichkeit wird, denn China ist sehr wachsam, wenn es darum geht, die Persönlichkeit von Kindern zu entfalten. Es könnte ja sein, dass es nicht im politisch gewünschten Sinne geschieht. Meine Erfahrungen in Asien sprechen eher gegen eine Offenheit im therapeutischen Bereich, wie sie bei uns allgemein vorausgesetzt wird.

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MAINLAND CHINA - Zentralchina

Hongkong 2012 Als das Festival zuende war, nahm ich mit einigen meiner Kollegen die Bahn und fuhr nach Zentralchina. Das ist nicht so einfach! Bis zur Grenze von Hongkong war alles so, wie wir es uns vorstellen: Fahrkarte kaufen, sich in den Zug setzen und abfahren. An der Grenze zu Zentralchina mussten wir über eine etwa 600 m lange Brücke gehen, dann wurden wir samt Gepäck – wie sonst nur an Flughäfen – durchleuchtet, das Visum wurde kontrolliert, der Reisepass kopiert, die Fingerabdrücke genommen, man musste an einem Messgerät für Körpertemperatur vorbeigehen und konnte dann – wieder nur mit der Kopie des Ausweises – eine Fahrkarte für die Weiterfahrt nach Changsha erstehen.

Wir warteten im blitzblanken, glänzenden Bahnhof auf unsern Zug. Plötzlich kamen im Gänsemarsch und Gleichschritt Frauen in gleichem Outfit durch den Bahnhof auf unsere Einlassschranke zu. Vor der Schranke hielten sie an, es wurde etwas geschrieen, sie schrieen etwas zurück, die Schranke öffnete sich, und die Kolonne verschwand. Nach etwa 5 Minuten – wir waren inzwischen aufgefordert worden, uns ordentlich in einer Reihe aufzustellen – kamen die Frauen wieder zum Vorschein. Es war die Putzkolonne des Zuges. (Und der Zug war blitzsauber!) Ich dachte: „Jetzt bist du in China angekommen!“

Hongkong 2012 In Changsha wurde uns das Staatliche Schattentheater gezeigt, eine kurze Szene gespielt und dann wurde noch mit den sehr grazilen Stabfiguren vorgetanzt. Es war beides eine Augenweide. Aber als ich hinter die Bühne ging, um meinen Kollegen beim Spiel zuzusehen, merkte ich, dass sie sehr präzise und konzentriert spielten, aber es war keine Emotion dabei zu spüren. Sie hatten für die Aufführung ein militärisches Training absolviert – so wie ich es in der früheren Sowjetunion erlebt hatte.

Festliches Essen, lange Reden, Austausch von Geschenken – und der erste Abend in China war zuende. Für den nächsten Abend hatte ich meine Kollegen zum Essen eingeladen, denn es war mein 70. Geburtstag – und den wollte ich nicht allein im Hotelzimmer verbringen. Am Tage fuhren wir in ein kleines Dorf, um uns eine traditionelle Schattentheatergruppe anzusehen. Auf dem Weg dorthin sah ich nur alte Leute, die vor den Häusern saßen oder in ihren Gärtchen arbeiteten. Die Kinder fehlten mir, das fröhliche Geschrei – auch abends, bei der Rückfahrt, sah ich sie nicht. China ist arm an Kindern geworden.

Die Schattenspielgruppe, die wir besuchten, war hinreißend. In 15 Minuten hatten sie ihre Bühne aus Bambusstangen aufgebaut, der Schirm war ein altes Tuch – ebenfalls zwischen Bambusstangen eingespannt, und die Figuren waren aus Tierhaut geschnitten und nur teilweise bemalt. Im hinteren Teil der Bühne platzierten sich zwei Musiker mit traditionellen Instrumenten (die melodisch, aber furchtbar laut waren), die Figuren hingen an Seilen rechts und links neben dem Spielschirm, das Licht war eine einfache Glühbirne, und dann ging’s los. Es wurde gestampft, geschrieen, gehechelt und gesungen, zwar wurden die Figuren von einem einzigen Spieler gespielt, aber die Stimmen kamen auch von den Musikern. Es war ein wunderbar exstatisches, professionelles, emotionales Spiel, das wir da sahen! Ich hätte noch stundenlang zuschauen können.

Hongkong 2012 Als wir alle beim Essen saßen, an einem großen, runden Tisch, wurden die Speisen aufgetragen. Dann bekam ich – in 11 verschiedenen Sprachen – ein Geburtstagslied gesungen. Das hat mich zu Tränen gerührt, denn was kann schöner sein, als das friedliche Miteinander verschiedener Nationen bei einem solchen Ereignis! Das Essen war herrlich, die Stimmung gelöst, und als wir spät in unsere Zimmer gingen, wussten wir, dass es in den nächsten Tagen ernst würde mit dem „International“, denn es ging zum Internationalen Kongress der UNIMA, der Weltvereinigung des Puppenspiels, nach Chengdu.

Das Flugzeug kam pünktlich an, ich wurde vom Flughafen abgeholt und ins Hotel gebracht, wo ich mit einer Kollegin zusammen ein Zimmer teilte. Es war ein kleines, sauberes Hotel. Allerdings war ich als „Delegierte“ angereist und meine Kollegin als „Puppenspielerin“. Das ist in China ein GROSSER Unterschied! Während ich als Delegierte hofiert wurde, mein Essen in dem pompösen Hotel einnahm, in dem auch der Kongress stattfand, bekam meine Kollegin morgens und abends etwas von einer Fastfood-Kette aufs Zimmer gebracht – es war kaum zu genießen. Später erfuhr ich, dass die chinesischen Ausrichter des Kongresses dachten, wir Delegierte seien von den Regierungen der Länder geschickt worden. Es war zu spät, sie darüber aufzuklären, dass wir von den Puppenspielern gewählt worden waren, ebenfalls Puppenspiel betrieben und völlig unabhängig von unseren Regierungen agierten. Ich glaube, man kann sich in China gar nicht vorstellen, dass so etwas wie Demokratie überhaupt funktionieren kann. Es war auch bei uns ein langer, schmerzlicher Prozess mit vielen Rückschlägen und Millionen Toten.

Der Kongress war ein großes Ereignis. Vertreter aus 64 Ländern waren Hongkong 2012 zusammengekommen, um über die Probleme zu diskutieren, die sich im Puppenspiel auf der Welt ergeben. Und als das Wort Tibet fiel, wurde – ich hatte zufällig die chinesische Übersetzung eingeschaltet – sofort die Übersetzung ins Chinesische abgebrochen. Als ich am Mikrophon nach einem Kurzvortrag über Kommunikation sagte, es sei doch sehr ungewöhnlich, dass wir hier nicht in „facebook“ könnten, um unseren Freunden zu berichten, welch bedeutende Konferenz und welch großes Festival hier stattfinde, wurde mir zwar nicht erwidert, aber am nächsten Tag war in diesem Hotel – und nur in diesem Hotel! – facebook zugänglich.

Als ich ins Museum ging, musste ich am Eintritt wieder meinen Ausweis kopieren lassen. Überhaupt hatte ich das Gefühl, ich bin in China niemals unbeaufsichtigt. In den öffentlichen Verkehrsmitteln, die ich (so wie ich es IMMER tue) auch in Chengdu benutzt habe, wurde ich sofort gefragt, wo ich herkäme und wo ich hinfahren wolle. Natürlich war es auch Neugierde der Einheimischen, was eine „Langnase“ in einem Vorort von Chengdu zu tun hat, aber sicher bin ich mir nicht, dass es das ausschließlich war.

Der Kongress war ein Fest der Freundschaft unter den internationalen Kollegen aus Ost und West, aus Nord und Süd. Es ab heiße Diskussionen, spannende Wahlen, und immer wurde versucht, gangbare Wege für Probleme zu finden. Es war wunderbar, wie Menschen aus so verschiedenen Nationen, versammelt unter dem Thema Puppenspiel, sich um Sachlichkeit bemühten und trotzdem hart diskutierten. Meine internationalen Kollegen wiederzusehen, war für mich eine besondere Freude! Ich bin 1976 der UNIMA (Union Internationale de la Marionnette) beigetreten und habe viele Freunde aus ganz unterschiedlichen Ländern dort – und bei jedem Kongress kommen neue dazu. Fast 100 Länder sind Mitglied in der UNIMA. Sie zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich radikal weigert, nationale, rassische, religiöse oder politische Richtungen zu berücksichtigen. Neben meinen Freunden aus ganz Europa, Asien, Afrika und Südamerika, sowie den USA habe ich auch diejenigen aus dem Iran, Armenien und der Türkei wiedergesehen. Uns käme es nicht in den Sinn, jemanden zu verurteilen, nur weil er aus einem Land kommt, dessen Politik unsere Politiker nicht gutheißen. Wir sagen: „Der eine Mensch hat Glatze und der andere ein Kopftuch. Was hat das mit Puppentheater zu tun?“

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TIBETANISCHE GRENZE - Naturparks

Naturpark 2012 Als der Kongress und das überdimensionierte Festival mit 101 Aufführungen in 5 Tagen zuende war, flog ich zusammen mit meiner Kollegin und einem Ehepaar aus Norwegen an die tibetanische Grenze zu zwei Nationalparks, über 3.500 m hoch gelegen, mit blühenden Azaleenwäldern und Wasserfällen – eine Augenweide und eine besondere Herausforderung an meinen Körper. Ich muss zugeben: Der 4.007 m hohe Pass hat mich aus dem Auto getrieben. Schnee lag rings umher. Barfuß (Wer konnte schon ahnen, dass hier Schnee lag! Ich Chengdu haben wir geschwitzt!), Schnee in der Hand, vom Nebel Pass an der Tibetanischen Grenze 2012 umweht und vom Wind gepeitscht, habe ich dem Drang, mich zu übergeben, standgehalten und mich tapfer dem Fotografieren gestellt.

Die tibetische Kultur wird an der chinesischen Grenze zu dieser Region als Touristenattraktion ausgestellt. Ich würde dort nicht leben mögen, wenn ich Tibeter wäre. Alles ist frisch gestrichen oder auf Hochglanz poliert, wo die Touristen hinkommen. Geht man in die Nebengassen, sieht man das wahre Leben und die Armut. Pittoreske Mönche in roten Mänteln, Frauen mit tibetanischen Trachten und viele Verkaufsstände locken Touristen an – und ernähren die Menschen, die sich diesem Handel mit Kulturgut hingeben. In den Museen in Chengdu und Hongkong allerdings wurden die Kultgegenstände der Tibeter zwar gezeigt, aber – ganz im Gegensatz zu den anderen Ausstellungsstücken – nur sehr ungenau beschriftet. Es stand z.B. nur dort: „Kultgegenstand aus Tibet“. Dass es eine Gebetstrommel von für Gläubige großer Heiligkeit ist, wurde verschwiegen.

Naturpark 2012 Durch die beiden Naturparks werden in der Hochsaison über 50.000 Menschen geschleust. Es gibt nur einen holzgepflasterten Weg, den man nicht verlassen darf (da seien die sehr aufmerksamen Wächter vor!). Er windet sich ca. 9 km von einem Ende zum anderen und lässt überraschende Ausblicke zu. Wir waren NICHT zur Hochsaison da und außerdem bei Regen. So waren es nur 16.000 Menschen, die unseren Weg teilten. Die Bilder sprechen eine eigene Sprache, deshalb erspare ich mir jede Beschreibung. Allerdings gab es in den Parks Sauerstoff-Stationen. Und als ich mich sehr schlecht fühlte, musste ich mich dort versorgen lassen. Mein Körper ist diese Höhe nicht gewohnt. Das habe ich hautnah erlebt.

Neben der Natur, die mich dort – trotz der dirigistischen Wegführung – verzaubert hat, habe ich das Essen in einem tibetanischen Restaurant sehr genossen. Es war herzhaft, das Jakfleich zart und die tibetanische „Pizza“ war einfach köstlich! Man sollte sie hier importieren! Ich würde sie (fast) jeden Tag essen wollen!

Zurück in Chengdu hatte ich noch 3 Tage Zeit, um mir die restlichen Museen (mit Ausweiskopie) anzusehen und durch die Parks und Tempel zu wandern. Dann flog ich nach Japan.

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JAPAN

Sendai

Sendai 2012Wäre ich nicht schon so oft in Japan gewesen, hätte ich nicht so viele Freunde dort, hätte ich nicht den Kinder-Kultur-Zentren in Sendai mit einer Spendenaktion geholfen, ich wäre nicht dorthin geflogen. Ich wusste, was auf mich zukam. In Sendai waren tausende von Menschen während des Tsunami am 13. März 2011 umgekommen und in Fukushima bangen die Menschen immer noch um ihre Sicherheit nach dem atomaren Gau. Nein, eine erquickliche Reise war es nicht. Und dennoch: Alle haben sich gefreut, dass ich kam und für die Kinder – viele seit dem Tsunami depressiv – „Was für wunderbare Helden“ aufführte. In den 8 Tagen in Sendai spielte ich 12 Mal in Kulturzentren, Teehäusern, Bibliotheken, Schulen, hatte Diskussionen und erhielt Berichte, besichtigte die furchtbaren Zerstörungen. Am ehemaligen Kinderspielplatz direkt am Meer lief es mir eiskalt über den Rücken. Dort haben Kinder gespielt. Mehr als magere, verbogene Gestänge waren nicht mehr zu sehen. Die kleine improvisierte Gedenkstätte gab beredtes Zeugnis von der Verzweiflung der Verwandten. Keine Familie in Sendai wurde verschont. Der Tod hielt 2011 reiche Ernte.

Fukushima

Schon als ich vor einigen Jahren in Tokyo mein erstes Erdbeben erlebte, fragte ich mich, wieso in einem Land, das etwa 100 Erdbeben pro Jahr erlebt, Atommeiler gebaut werden. Damals wurde mir versichert, die Atommeiler seien sicher, und Japan benötige Strom aus Atomenergie. Ich verstand das nicht, denn Japan hat heiße Quellen, Meer ringsum, Sonne und viel, viel Wind. Aber ich habe nicht weiter gefragt und nicht diskutiert. Hätte ich es doch getan, damals, als ich in Fukushima gespielt habe!

Nun sah ich verwahrloste Landstriche mit mühsam angelegten, jetzt brach liegenden Reisfeldern. Einstmals blühende Städte sind menschenleer, Krankenhäuser – erst kurz vor der Katastrophe mit den modernsten Geräten ausgerüstet, sind unbrauchbar, Restaurants geschlossen, Gärten ungepflegt. In einem Land, in dem Blumen einen fast heiligen Status haben, tun diese Bilder weh. Die aufgestellten Messgeräte ticken. Wachen in Spezialanzügen sorgen dafür, dass man sich nicht länger als 2 Stunden in den Orten aufhält. Die Häuser sind verschlossen und doch schutzlos und verstrahlt. Es ist lebensgefährlich, sich dort lange aufzuhalten.

Als ich in der Hochschule nach der Aufführung mit den Studentinnen diskutierte, Fukushima 2012 wurde mir das ganze Ausmaß des Geschehens erst richtig klar. Das menschliche Leid war nicht nur, dass die Häuser unbewohnbar geworden waren. Die jungen Leute fragten sich, ob sie überhaupt eine Zukunft mit Kindern hätten. Wie, wenn die Strahlung ihr Erbgut verändert hatte? Wie, wenn sie behinderte Kinder zur Welt brächten? Können sie unter diesem Wissen überhaupt heiraten? Es war eine lange und schmerzliche Diskussion, denn auch ich konnte ihnen keine Lösung vorschlagen, konnte sie nicht trösten. Als sie mich fragten, warum man in den Medien in der westlichen Welt nichts mehr über Fukushima schreiben würde, warum es so still sei und niemand sich ihrem Leid und ihrer Verzweiflung annehmen würde, konnte ich sie nur ermuntern, immer wieder und eindringlich an alle Regierungen und Organisationen zu schreiben und ihre Situationen darzustellen. Später sagten meine Begleiterinnen, die Studentinnen hätten ihnen gesagt, jetzt wüssten sie, warum sie Englisch lernen müssen. Auf dem internationalen Parkett sei das die Umgangssprache.

Fukushima 2012Als Geschenk erhielt ich von den Studentinnen eine CD, auf der sie ein selbst geschriebenes Stück aufführen. Es beschäftigt sich mit ihren Zukunftsängsten und ihren Wünschen und Visionen. Ein Stück zum Nachdenken. Für die Einblicke, die diese Frauen mir gaben, danke ich ihnen von Herzen. Ich habe gelernt, dass wir oft zu kurz denken, wenn wir Entscheidungen treffen und unsere egoistischen Ziele zu oft in den Vordergrund rücken.

Mit einem Gang durch einen wunderschönen japanischen Garten wurde ich von meinen Gastgebern getröstet. Fette Karpfen balgten sich um das wenige Futter, das wir ihnen zuwarfen. Der Tee im kleinen überdachten Pavillon über dem See schmeckte bitter. . .

Puppentheater – so habe ich auf dieser Reise gelernt – ist ein friedenstiftendes Metier. Es bringt Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen zusammen, ungeachtet jeglicher Politik. Und Puppentheater kann trösten und helfen, schlimme Stunden zu überwinden. Ich bin dankbar, dass ich diesen Beruf habe. Meine weltweite Tätigkeit als Dozentin in Therapeutischem Puppenspiel gibt mir darüber hinaus die Möglichkeit, aktuell bei traumatischen Ereignissen zu helfen. Mögen mir noch einige Jahr vergönnt sein, in denen ich diese Arbeit fortsetzen kann!

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