Reisen der BABUSCHKA
Ai Kwang Won
17.9. – 7.10.2010
Behindertenzentrum Ai Kwang Won in Jangseungpo auf der Insel Geoje-do 17.9. – 7.10.2010

Schon im Februar war ich eingeladen worden, mit den Betreuern der geistig und mehrfach Behinderten in dem großen Zentrum auf Geoje-do zu arbeiten und ihnen die Möglichkeiten des Puppenspiels für ihre Schützlinge zu zeigen und mit ihnen einfache Szenen einzuüben, sowie 3 Vorträge über Puppenspieltherapie für geistig und mehrfach Behinderte zu halten.
 
Oft schon hatte ich in europäischen Behinderteninstitutionen gearbeitet und Fortbildungen für die Betreuer gestaltet. „Pah!“, dachte ich, „Kleinigkeit!“. - Ich hatte weit gefehlt.

Behindertenzentrum Ai Kwnag Won, Jangseungpo, Insel Geoje-do, SüdkoreaIn Ai Kwang Won leben rund 250 geistig und mehrfach – zum Teil extrem stark – behinderte Menschen mit ihren Betreuern. Die meisten der nun fast erwachsenen Behinderten waren ausgesetzte Kinder. In Korea macht sich erst sehr langsam der Gedanke breit, dass auch Behinderte ein Recht auf Leben, Fürsorge und Pflege haben. Es gibt in Ai Kwang Won einen Kindergarten, eine Schule und mehrere Werkstätten. Einige wenige leicht Behinderte leben in Außengruppen in der Stadt Jangseungpo, wo sie selbst – unter Aufsicht – kochen, putzen und waschen. Männer und Frauen werden in diesen Gruppen streng getrennt. Es gibt nur sehr wenige Behinderte, die heiraten oder eine Partnerschaft eingehen.

Die Ausbildung der Lehrer und Betreuer ist m.E. nicht vergleichbar mit der Ausbildung entsprechender Kräfte in Deutschland. Es wird erwartet, dass sie ihre Schützlinge so weit wie möglich dem Verhalten und den Anforderungen eines „normalen“ Menschen anpassen. Dass das nicht möglich ist und zu Konflikten führt, ist einsichtig. Durch die Patenschaft mit der Fröbelschule in Schorndorf/Deutschland gibt es für einige der Kräfte immer wieder die Möglichkeit, sich über die Betreuung von Behinderten in Deutschland zu informieren (Website: www.froebelschule-schorndorf.de .)

Es ist allerdings sehr fraglich, ob sich in absehbarer Zeit das extrem leistungsorientierte System der Betreuung und Beschulung in Korea verändern kann. Andererseits zeigte das Interesse an meinem Fortbildungsangebot, dass das Defizit gespürt wird und Auswege aus der reinen Beaufsichtigung gesucht werden.

Küste bei JangseungpoGeht man in Deutschland davon aus, dass man die Behinderten – welchen Grad und welche Art der Behinderung sie auch haben mögen – dort abholt, wo sie stehen, um ihre individuellen Fähigkeiten zu fördern und sie zu motivieren, an sich selbst zu arbeiten, geht man in Südkorea davon aus, dass die Behinderten Defizite haben und wegen dieser Defizite trainiert werden müssen. Die Sichtweise ist ausschließlich Defizit orientiert und nicht orientiert nach persönlichem Potential – sei es auch noch so klein.

Dazu werden u.a. Computerprogramme eingesetzt. Die Musikinstrumente flimmern auf dem riesigen Bildschirm als Comicfiguren vor den Augen der behinderten Schüler und spielen schöne Melodien. Weder wird darauf Rücksicht genommen, dass Behinderte langsamer auffassen als die meisten sogenannten normalen Kinder, noch wird darauf Wert gelegt, dass die Behinderten SELBST das meiste tun und dadurch ihre Möglichkeiten und Fertigkeiten erfahren und schulen. Das ist schade, denn nur die wenigsten der 250 Behinderten kommen in den Genuss einer Sonderförderung in Musik oder Malen oder Töpfern

Hygiene ist das dort oberste Gebot. Natürlich ist es angenehm, wenn kein Krümelchen auf dem Boden liegt und die Räume nicht nach Urin und Essen riechen. Aber wenn deshalb keinerlei „Kuschelecken“, keine bequemen Sofas, keine Kissen oder Holzspielzeug zur Verfügung stehen, wenn die meisten Räume kahl sind und der luftige Aufenthaltsraum nur mit einer großen Videowand bestückt ist, wirken die Räume kalt und abweisend. Die Behinderten haben lediglich die Möglichkeit, sich auf den blanken Boden zu hocken und den Tag vorübergehen zu lassen. Die wenigsten erwachsenen Behinderten werden in die Lage versetzt, sich in einen noch so einfachen Arbeitsprozess einzugliedern.

Mein Angebot, den Betreuern zu zeigen, wie sie mit einfachsten Figuren für die Behinderten kurze, einfache Geschichten spielen können, war unter diesen Bedingungen mehr als exotisch. Zwar erinnerten Betreuer lernen Szene für die Behinderte zu spielen sich einige der Betreuer an meine kleine Aufführung während meines Besuches im Februar diesen Jahres, aber zugetraut, das auch zu tun, hat sich das keiner. Es war wirklich schwer, die Betreuer zu motivieren, sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Schließlich wurden 4 Betreuer zu einem Intensivkurs am Vormittag und 10 Lehrer und Erzieherinnen zu einem Kurs für den Nachmittag eingeteilt. Nach dem ersten Zögern arbeiteten sie begeistert, mit hoher Konzentration und großer Kreativität an ihren Fähigkeiten und waren sich alle einig, dass sie das Gelernte sehr gut gebrauchen können.

Betreuer beim ÜbenDie Kurse beinhalteten nicht nur das Training im Spiel mit den einfachen geometrischen Figuren, sondern auch viele Erklärungen zur Psychologie und Wahrnehmungsmöglichkeiten der Behinderten, über den Zusammenhang zwischen Handlung und Lernen, über Motivation und Beobachtung etc. Immer wieder wurden Fragen gestellt und Beobachtungen beschrieben und diskutiert. Immer wieder wurden die kleinen Szenen den Behinderten vorgespielt. Behinderte Dabei zeigte sich das gleiche Phänomen wie schon die Erfinderin der kleinen Spielszenen, Jutka Fekete, beschrieben hatte: Selbst normalerweise uninteressierte Behinderte beobachten – ihren Möglichkeiten entsprechende – das Geschehen, Blinde hören aufmerksam zu und Sehbehinderte folgen den Bewegungen. Zwar ist das Aufmerksamkeitspotential vieler Behinderter sehr gering, und es ist manchmal ein großer Erfolg, wenn sie ihren Kopf in die Richtung der Figuren drehen. Aber das ist nur ein Anfang, und es kann Wochen dauern, bis ein Behinderter sich ganz dem Geschehen zuwenden kann. Geduld. Geduld. Geduld. Kein Wort war bei dieser Arbeit wichtiger!

Behinderte beim ÜbenUnd was wären meine Kurse und meine Vorträge ohne eine einfühlsame und versierte Übersetzerin gewesen? Mein Koreanisch ist erbärmlich. Hätte Wul Suong Kruse, die in Wüstenrot lebt und seit über 20 Jahren mit Ai Kwang Won verbunden ist, nicht so wunderbar und verständlich die vielen Stunden für mich übersetzt, wäre meine Arbeit sehr viel schwieriger gewesen! Teilnehmerinnen und die Leitung des Behindertenzentrums dankten ihr herzlich und ich kann ihre Hilfe gar nicht genug loben.

Wul Seung Kruse mit einigen Kursteilnehmerinnen.DANK: Mein besonderer Dank gehört nicht nur meiner wunderbaren Übersetzerin, Frau Kruse, sondern auch dem Partnerschaftsverein der Fröbelschule in Schorndorf, der mir die Flugkosten ersetzt hat. Ich danke der Leitung des Behindertenzentrums Ai Kwang Won, der dortigen Schule und dem Kindergarten, die alle mit viel Verständnis meine Arbeit nicht nur ermöglicht und umsichtig unterstützt haben, sondern mir auch erlaubten, jedes der Häuser zu besuchen und die Arbeit der Betreuer und Lehrer zu beobachten.

Im kommenden Jahr soll die Arbeit fortgesetzt und die Betreuer 8 Wochen lang geschult werden. Ich freue mich darauf!


  

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