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     Besuch bei der UNIMA* Portugal, Juli 2012

*UNIMA ist die Abkürzung für Union Internationale de la Marionnette, die Weltvereinigung des Puppentheaters, in der fast 100 Länder Mitglied sind. Infos unter: www.unima.com

Welche eine Theaterlandschaft! Portugal hat im ganzen Land – nicht nur in der Hauptstadt! – die schönsten und am besten ausgestatteten Theater, die ich je gesehen habe; sie werden gepflegt und poliert, wurden vor kurzem auf den neuesten Stand der Technik gebracht - und jetzt werden sie kaum noch bespielt. Das Personal ist auf ein Minimum reduziert. Ich fragte, warum das so sei. „Portugal hat kein Geld mehr für Kultur.“, war die lapidare und – ich muss es zugeben – ziemlich deprimierende Antwort.

Und der das sagte, muss es wissen. Es ist José Gil, Präsident der UNIMA Portugal, und Rui Souza, der Vizepräsident, bestätigte seine Aussage. Die UNIMA Portugal wurde vor rund 20 Jahren gegründet, fiel dann in einen Dornröschenschlag, bis sie vor 5 Jahren von jungen, dynamischen Puppenspielern wachgeküsst wurde. Aber das ist nicht alles. Das schwere Erbe haben sie zu einer Zeit angetreten, als die Budgets für Kultur heruntergefahren wurden. Dass sie trotzdem gewagt haben, diese internationale Organisation mit allem was dazu gehört, in Portugal wieder zu beleben, kann man nur ihrem Engagement und ihrer Freude am Puppenspiel zurechnen. Dass Beharrungsvermögen ebenfalls dazugehört, ist uns allen bekannt. Sie werden es noch länger brauchen!

S. A. Marionetas – Teatro & Bonecos ist eine Truppe, die aus einem „Kern“ von 3 Leuten besteht: José Gil, Natascha Pereira und Sofia Vinagre, andere Künstler unterschiedlicher Sparten arbeiten mit ihnen zusammen: Musiker, Tänzer etc. Alles, was sie auf die Bühne bringen – die große und die kleine – entsteht in einem Haus, das ihnen die Stadt Alcobaca zur Verfügung stellt. Es ist ein wenig abgelegen, aber es beherbergt nicht nur eine Werkstatt mit Stauraum für Puppen und Requisiten, sondern auch ein Büro und eine Freiluftwerkstatt, in der viele der Puppen entstehen. Im Garten – so berichtete José – finden Workshops für Kinder und Eltern statt, werden Feste gefeiert und wird sich nach intensiver und nervenaufreibender Arbeit ausgeruht. Sessel und „hängender Garten“ wurden von Natascha Pereira entworfen: Paletten aus Holz waren die Grundlage dafür.

Dort erzählte mir José von den Problemen, aber auch den Erfolgen der Gruppe. Dass bei der Kultur zuerst gespart wird, ist Allgemeingut geworden. Das kennen wir aus vielen Ländern. Dass das dumm ist, wissen viele, aber die Vielen sind nicht die Politiker, die über die Haushalte abstimmen. Es bekommt keines der Figurentheater in Portugal einen Zuschuss von der Gemeinde oder vom Staat. Nur hin und wieder werden – z.B. für Auslandsreisen – Zuschüsse gewährt (und sehr spät ausgezahlt). Dass es in Alcobaca ein wenig anders ist, kann nur dem guten Verhältnis des dortigen Figurentheaters mit den Stadtverordneten zugeschrieben werden.

Die UNIMA Portugal erhielt von der Stadt Alcobaca ein Domizil, das mitten im Stadtzentrum liegt. Dort kommen während der Ferienzeit tausende von Touristen vorbei. Ein repräsentables Schild weist auf die UNIMA hin. Mit Spenden aus der Bevölkerung wurden ein Büro, ein Dokumentationsraum und ein Stauraum ausgestattet. Ein Badezimmer rundet das Ganze ab. Was im Dokumentationszentrum zu sehen ist, lässt vermuten, dass es dort für Studenten möglich sein wird, sich aus Büchern, Zeitschriften und Dokumenten ein Bild von der Puppentheaterlandschaft nicht nur in Portugal zu machen. Das UNIMA-Zentrum ist für jede Buchspende offen – auch wenn sie nicht in Portugiesisch abgefasst ist.

Am erstaunlichsten fand ich, dass dort längst nicht mehr erhältliche Bücher über das traditionelle portugiesische Puppentheater zu finden sind. Es sind Geschichten, wie sie u.a. in England bei „Punch and Judy“, im sehr alten Kaspertheater, bei „Guignol“ in Frankreich, „Pulcinella“ in Italien und beim „Mamulengo“ in Brasilien zu finden sind: Derb, drastisch, mit Todschlagszenen per Pfanne oder Knüppel, Tod und Teufel, rüden Witzen und – natürlich – Liebe. Anders aber als z.B. im „Punch and Judy“ gewinnt letztlich nicht „die Natur“ in Form eines Tieres die Oberhand, sondern Dom Roberto. Einzig der Priester ist bei den Todschlagszenen ausgenommen. Er bekommt zwar „sein Fett weg“, aber er muss nicht „dran glauben“ wie die anderen Gegner des Protagonisten. Das sei – so erzählte José – ein Relikt aus einer Abmachung zwischen den Pfarrern und den Puppenspielern: „Nach der Messe darf nur dann auf dem Platz vor der Kirche gespielt werden (wo natürlich die meisten Menschen zusehen und Geld geben würden), wenn der Priester NICHT das Zeitliche segnen müsse. Puppenspieler sind nicht nur Künstler, sondern sie müssen auch leben. . . .

Die Gruppe um José Gil hat sich vor allen Dingen dem traditionellen Spiel um „Dom Roberto“ gewidmet. Das sind Puppen, wie man sie sich hässlicher kaum vorstellen kann: gedrechselt Köpfe mit riesigen Augen, die wie Froschaugen aus dem Gesicht schauen, ein Mund mit deutlichen Zähnen – allerdings nur mit schwarzen Konturen (was ihn auch nicht angenehmer macht). Es sind 4 dieser Geschichten nur zufällig überliefert. Aus der Gruppe sind nun 9 Bühnen hervorgegangen, die ebenfalls mit „Dom Roberto“ ihr Geld verdienen – vor allen Dingen auf Festen und mittelalterlichen Märkten, die in Portugal berühmt sind. Eine Szene dauert etwa 10 Minuten, so dass die Leute gern und entspannt stehen bleiben und sich – davon konnte ich mich überzeugen – köstlich amüsieren.

Warum – so fragte ich – ist das traditionelle Puppenspiel für José Gil so wichtig? „Mein Lehrer war der legendäre Cesário Nunes. Er hat mich gefördert und meine Liebe zum Puppentheater immer wieder genährt. Ihm habe ich alles zu verdanken.“

Aber natürlich inszeniert die Gruppe auch andere Stücke. Die Puppen sind kurios und haben immer einen das Spiel unterstützenden Charakter. So wurden die Puppen für ein Stück über einen Schuster aus alten Leisten (Modelle von Füßen zum Herstellen von Schuhen) gefertigt. Andere Figuren entstanden aus Schaumstoff oder Metall und Holz. Es sind Handpuppen und Marionetten – was die Dramaturgie des Stückes erfordert. Szenenprogramm und Stücke für große Bühnen wurden inszeniert. Dracula und Proteus, die Liebesgeschichte von Ines und andere mehr oder weniger bekannte Geschichten werden inszeniert. Allen ist gemeinsam ein hintergründiger Humor.

Bei meiner Reise habe ich auch eine Schule für Behinderte besucht, in der eine Lehrerin zusammen mit dem Werklehrer Puppen herstellen lässt und mit den Behinderten Stücke aufführt. Dass das keine leichte und vor allem keine schnelle Arbeit ist, können alle bestätigen, die mit Behinderten arbeiten. Die Lehrkraft sei die einzige, die in Portugal in der Schule mit Puppentheater arbeite, wurde mir erzählt. Auch das ist etwas, was die UNIMA in Portugal sich auf die Fahnen geschrieben hat: Puppenspiel muss in die Schulen integriert werden! – Aber das ist eine Sache, die wohl einige Jahre und viel Durchhaltevermögen erfordert.

Schließlich habe ich noch das große, jährlich stattfindende Mittelalter-Fest in Sta. Maria de Feira bei Porto besuchen und mich davon überzeugen können, dass meine Vermutung stimmt: Die Puppenspieler waren die große Attraktion auf dem Gelände! Sie zogen mit Rambazamba und viel Getöse durchs Gelände und JEDER blieb stehen und schaute vergnügt zu, wie die Figuren und die Puppenspieler mit einander in Streit gerieten, ein wild aus dem Publikum entliehenes Paar getraut wurde und die Holzköpfe kräftig schimpften und dem Publikum den Spiegel vorhielten.

DANKE! José Gil, und DANKE! Rui Sousa für euren wunderbaren Einblick in eure Kunst! Ich werde wiederkommen und mir auch die anderen Puppentheater in Portugal ansehen! Bis bald!

Kontakt zur UNIMA Portugal: José Gil – presidente@unimaportugal.com

Rui Sousa – ruisousa1975@gmail.com


  

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