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     Tournee nach Teheran im Iran, 14. Januar – 2. Februar 2013

Hauptstrasse in TheheranLange hatte ich es mir überlegt. Lange habe ich vor meinem Kleiderschrank gestanden. Lange habe ich im Internet recherchiert. Ich wusste: meine fachlichen Vorbereitungen waren in Ordnung, aber meine banalen Reisevorbereitungen ungenügend. Fast schien es, als würden sich die Iraner schämen, mir mitzuteilen, WIE stark ich mich „bedecken“ muss, ob schminken erlaubt ist, wie lang der Rock sein MUSS, ob Hosen erlaubt sind oder Nylonstrümpfe und Schuhe mit Absätzen etc. Schließlich bin ich eine Frau! Männer haben es im Iran viel leichter: kurzärmliges T-Shirt bei Wärme, Pullover und Jacke bei Kälte – wie bei uns.

Nirgends fand ich konkrete, verlässliche Regeln – und das sollte sich als die wichtigste Erkenntnis für die gesamte Reise erweisen.

20 kg wiegt mein normales Gepäck, wenn ich ein Seminar halte oder eine Vorstellung zeige. Aber weil ich gesagt bekam, ich müsse mich auch auf der Bühne verhüllen (das würde meinen Altersfalten sehr gefallen!), habe ich keine Aufführung angeboten. „Therapeutisches Puppenspiel“ war mein Thema – wie schon in vielen anderen Ländern. Ich sollte Vorträge halten und Seminare an einer Theater-Hochschule in Teheran.

Die offizielle Einladung war – formlos – eingegangen. Alle Unterlagen (sogar ein Lebenslauf!) für das Visum hatte ich nach Teheran geschickt. Ich fing an zu packen: in den Koffer rein – aus dem Koffer raus – andere Sachen rein etc. Aber das Visum kam nicht. Ich müsse warten, bis mir eine Nummer des iranischen Außenministeriums zugeteilt würde, dann könne ich die Unterlagen an die entsprechende Konsularabteilung schicken (und das Visum vorab bezahlen). Aber die Nummer kam nicht. Und als sie kam, war Weihnachten. Feiertage. Auch bei der iranischen Botschaft in München. Es wurde Ende Dezember. Kein Visum. Es wurde 5. Januar – und ich fing an, mir zu überlegen, ob ich nicht doch schnell noch einen Kurzurlaub in der Türkei buchen sollte. Am 12. Januar kam das Visum. Keine Zeit mehr, großartig Geschenke einzukaufen, weil es ein Samstag war und am Montag früh mein Flugzeug abheben sollte. Die Daten für den Flug hatte ich bereits erhalten.

Das war ein Gepacke, Gewiege und Getausche – ein Wochenende der besonderen Bazar in Teheran Art! Schließlich hatte ich für 3 Wochen nur 10 kg persönliches Gepäck zur Verfügung, denn mehr als insgesamt 30 kg waren nicht erlaubt. Ich schummelte das Notebook in die etwas größere Handtasche, den Fotoapparat unter den Mantel, das 700-Seiten-Buch in die unergründlichen Innentaschen desselben, zog unter den Mantel ein T-Shirt, einen dünnen und einen dicken Pullover übereinander, zog doppelte Unterwäsche und ein Kopftuch und einen großen, langen Schal an. Meine Kosmetik- und Duschsachen kaufte ich im Flughafen nach der Aufgabe des Gepäckes. Nur 3,8 kg mehr als erlaubt – es kostete mich ein sehr freundliches Lächeln, um die Kosten für das Übergepäck zu umgehen (immerhin 15 Euro pro kg!).

Straßentheater beim Internationalen Fadjr Festival in Teheran, 16.1.2013 Einen Tag später WUSSTE ich, dass ich die falschen Pullover und T-Shirts eingepackt hatte. ALLE waren sie ZU KURZ für die iranische Sittenpolizei. Nur die Ärmel waren lang genug. Wie gut, dass meine iranischen Freundinnen meine Sorgen verstanden! Sie liehen mir längere Blusen und zeigten mir, wo ich preisgünstig eines dieser schrecklichen grauen Halbkleider kaufen konnte. Auch das Feilschen übernahmen sie für mich – welch ein Glück! Aber sowohl drinnen als auch draußen musste ich mein kurzes Haar unter einem Kopftuch verbergen – drinnen schwitzte ich, und draußen fror ich beim kleinsten Wind.

Der Shador blieb mir erspart, ein langes, schwarzes Tuch, das den Kopf, den Körper und die Beine vollständig bedeckt und meist auf dem Boden schleift. Von hinten sehen die Frauen aus wie große schwarze Fliegen, sobald der Wind den Stoff ein wenig bauscht. Extrem unhygienisch ist das Kleidungsstück außerdem, vor allen deshalb, weil Teheran eine ziemlich staubige, verkehrsreiche Stadt ist, in der tagelang kein Lüftchen weht. Wer in China war, hatte eine gute Vorbereitung auf den Verkehr in Teheran! Taxifahrten sind hier schlimmer als Bungee-Springen (meine ich). Es grenzt an ein Wunder, dass mit meinen Fahrern kein Unfall geschah – auch wenn praktisch kein Auto ohne Dellen und Schrammen zu sehen war.

Wie herzlich wurde ich von meinen iranischen Freunden begrüßt! Vortrag mit Übersetzer, Teheran, 19.1.2013 Aber da bekam ich schon meine erste Benimm-Lektion: In der Öffentlichkeit durfte ich einem Mann nicht einmal die Hand geben – und Umarmungen sind strafbar. Also umarmte ich meine Freundinnen und nickte brav den Männern zu. Wenn wir uns in anderen Ländern treffen, werde ich sie doppelt umarmen! Wie schade, dass ich den freundlichen Bediensteten im Hotel genauso wenig die Hand geben konnte wie dem Direktor des Internationalen Fadjr-Theater-Festivals! Aber ich habe nur Freundlichkeit und Wohlwollen von allen Menschen erfahren, die ich traf. Mein Übersetzer war ein Schatz und hochkompetent. Er führte mich über sämtliche Klippen, übersetzte – auch teilweise erklärend bei kulturellen Verschiedenheiten – während der Vorträge und den Seminaren. Eine Meisterleistung! Ich bin ihm sehr dankbar dafür.

Kurs 'Die Psychologie der Puppe' in Teheran, 23.1.2013 In vielen Ländern habe ich Vorträge gehalten und Seminare gegeben. Ich habe es mir dabei zur Angewohnheit gemacht, die Zuhörer vor Beginn zu fragen, welche Fragen sie an mich haben. In den meisten Fällen schweigt das Publikum – ob aus Höflichkeit oder aus Überraschung, kann ich nicht genau sagen. In Teheran wurde ich mit Fragen bombardiert, so dass ich meinen 3-stündigen Vortrag über „Die Psychologie der Puppe“ genau auf meine Zuhörer zuschneiden konnte. Ein sehr erfreuliches Erlebnis! Und nach dem Vortrag wurde ich so lange weiter befragt, bis mir bedeutet wurde, der Raum werde für eine andere Veranstaltung benötigt. Auch die Seminare waren überbelegt, so dass einige Interessenten nur als Zuhörer mitmachen konnten.

In einem Land, in dem Männer und Frauen so unterschiedliche Stellungen haben, war es gut, dass ich vorgeschlagen hatte, die Seminare für Männer und Frauen getrennt zu halten. Ich hatte richtig eingeschätzt, dass die Frauen offener und sensibler auf meine Angebote eingehen würden. Für die Männer war es extrem schwierig, sich mit ihren eigenen Emotionen zu beschäftigen. Trotzdem waren am Ende alle Teilnehmer nicht nur zufrieden, sondern wünschten sich eine Weiterführung.

Auch in einem Theaterhaus und der Teheraner Universität hielt ich Vorträge, die eine Flut von Fragen nach sich zogen. Wie stark psychologische Beratung gefragt ist in dieser Stadt (und nur davon kann ich berichten), konnte ich an den vielen Anfragen ablesen, die mir als Privatperson und unter dem Siegel der Verschwiegenheit gestellt wurden.

Und da es ein Internationales Theater-Festival war, zu dem ich eingeladen war, war ich natürlich begierig zu sehen, was geboten wurde. Die europäischen Bühnen habe ich mir erspart. Da gibt es andere Gelegenheiten. Mich haben besonders die iranischen Aufführungen interessiert. Ich stellte mir die Frage: WIE IST EIN THEATER, DESSEN DARSTELLUNGSWEISE EINER ANDEREN KULTUR ALS DER UNSEREN ENTSPRINGT?, Woyzeck von Georg Büchner, Teheran, 17.1.2013 und wie wirkt sich die Zensur auf die Darstellung aus – denn es wird offen von Zensur gesprochen. (Sogar Achmadinedschad sprach in seiner Rede beim Abschluss des Festivals davon!)

Vor der Premiere kommt eine Kommission ins Theater, schaut sich die Hauptprobe an und hat sehr oft Änderungswünsche. Allgemeine Regeln sind die für die Öffentlichkeit geltenden: Keine intergeschlechtliche Berührungen, keine aufreizenden Bewegungen – vor allen Dingen der Frauen -, keine unbedeckten Frauen (Körper und Kopf, Arme, Beine), eine Frau darf nicht allein auf der Bühne singen, keine Anzüglichkeiten im Text und natürlich keine politische Kritik. Aber diese allgemeinen Regeln werden je nach Visitatoren unterschiedlich ausgelegt. So kann es sein, dass in einem Theaterstück eine besondere Kopfbedeckung gestattet und in einem anderen verboten wird. Besonders die Gruppe, die aus der Schweiz kam und einen sehr interessanten „Sturm“ von Shakespeare aufführte, musste sehr viele Stellen „umarbeiten“. Mir kam die Idee, dass das iranische Theater eigentlich ausschließlich ein Symboltheater im engsten Sinne ist. Das steht in großem Gegensatz zum Theater in Europa. Dort wird Handeln und Körperlichkeit (oft zu) sehr in den Mittelpunkt gerückt, so dass die Symbolik zu kurz kommt. Meine Phantasie ist, dass beide Theater von einander lernen, die jeweils bevorzugte Ebene – hier Symbol, da Körperlichkeit – des anderen, um beides zusammen einzusetzen. Die Frauengestalten im iranischen Theater sind weitgehend statisch, wenn es nicht ein Stück ist, in dem Frauengestalten überwiegen. Das hat selbstverständlich mit den Vorschriften für Frauenverhalten zu tun.

Zwei Inszenierungen haben mir besonders gefallen:

Traurige Witwen des Krieges“ und „Woyzeck“. Natürlich hatte ich hier in Europa Büchners Woyzeck gesehen – ein Spiel um Abhängigkeit, Erniedrigung und Untreue. Aber was ich in Teheran gesehen habe, war eine Interpretation, die mich nachdenklich gemacht hat. Woyzeck war doppelt vorhanden, und die anderen Figuren waren so entfremdet, dass sie wie Puppen wirkten. Akrobatische Szenen der Männer und Skurrilität ließen mich immer wieder staunen. Trotzdem wurde dem ernsten Stoff des Dramas Rechnung getragen. Allein die Figur der Marie war statisch und unglaubhaft – aber das war wohl nicht anders zu inszenieren, denn die Regeln der Kommission ließen eine intimere Version vor allem der Beziehung zwischen Marie und ihrem Liebhaber nicht zu.

Traurige Witwen des Krieges“ – diesen Titel habe ich erst im Nachhinein erfahren, konnte aber der Geschichte, ohne ein einziges Wort zu verstehen, sehr gut folgen. Eine tragisch-komische Geschichte um Erbschleicherei, Mord und Eifersucht. Was mich am meisten fasziniert hat, war, WIE der Regisseur mit den Verboten für Beziehungsgehabe im iranischen Theater umgegangen ist. Durchweg war das Stück eher symbolisch als handlungsorientiert angelegt. Aber diese Symbole hatten es in sich!

Eine kurze Szene will ich beschreiben: Es handelt sich um drei Frauen unterschiedlichen Alters. Eine hat bereits einem (geldgierigen) Mann das Jawort gegeben, die andere fühlt sich zu alt und beherrscht die Szene auf intrigante Art und Weise, und die dritte will gerade einem reichen Mann eine Absage erteilen. Es kommt zum (mir unverständlichen) Wortabtausch, in dessen Verlauf die Angebetete von allen Protagonisten traktiert wird. Sie hat gerade eine übergroße Bettdecke mühevoll auf dem Bühnenboden ausgebreitet. Jeder, der ein Argument für/gegen die Heirat hat, traktierte nicht den Gegner, sondern die Bettdecke. Sie wurde betreten, getreten, gestoßen, zerwühlt, gestrichen, geklappt, zerknüllt, gehoben, gebeutelt, geschüttelt etc. Es war eine Wonne, dem zuzusehen! Als der Mann endlich gewinnt, stellt er sich breitbeinig mit Schuhen auf die Decke – zu Anfang hatte er seine Schuhe ausgezogen, als es für ihn unvermeidlich war, die Decke zu betreten. WUNDERBAR, zumal die Schauspieler großartige Ausdrucksfähigkeiten zeigten!!!

die Berge nördlich von Teheran am 30.1.2013Und dann: auf einmal waren alle Turbulenzen der arbeitsreichen Tage vorbei, Achmadinedschad hatte seine Rede zur Abschlusszeremonie gehalten, die Theatergruppen waren abgereist. Ich war allein – aber NEIN! Es hagelte Einladungen! Und als ich gefragt wurde, was ich gern machen würde, bat ich um einen Ausflug in die Umgebung Teherans. Die hohen Berge, die Teheran vor kalten Nordwinden schützen, waren grau, aber interessant. Ich hatte gehört, man könne dort auch Ski fahren im Winter. Wir hatten Winter. Januar. Fast kein Schnee. Und als ich am Morgen des versprochenen Tagesausflugs aufwachte und auf die Straße trat, waren die über 3000 m hohen Berge weiß von Schnee. In Teheran hatte es geregnet, aber die Berge waren glänzend weiß im Sonnenlicht. Es war ein schöner Tag: ohne Tourismus (der im Iran sehr eingeschränkt ist), in einer herrlichen Landschaft, in frischer klarer Luft, ich wurde kutschiert und war mit freundlichen Menschen zusammen – das war ein Geschenk!

Spiegelmosaiken im Goestan-Palast in TeheranNatürlich habe ich in den wenigen freien Tagen auch Museen besucht, die Bazare angeschaut (und gestaunt, was es alles gibt!) und den Golestan-Palast – während der Revolution zerstört und danach wieder aufgebaut – mit seinem sehenswerten Ethnologischen Museum bestaunt. Die wunderbaren Spiegelmosaiken haben eine schöne (nicht belegte) Geschichte: Eine Ladung Spiegel aus Venedig kam zerbrochen im Palast an. Aus der Not eine Tugend machend, wurden die Mosaiken des Palastes erschaffen. Als wir uns dann in einem Café aufwärmten, musste ich fragen, warum nur männliche Schauspieler als Portraits an den Wänden hingen. Die Antwort war niederschmetternd: Portraits von Frauen dürfen nicht öffentlich ausgestellt werden.

Es war eine komplizierte Reise in den Iran, denn ich konnte nie sicher sein, dass das, was mir gesagt wurde, auch von anderen so gesehen wird. Nirgends fand ich konkrete, verlässliche Regeln. Auch die Verbote waren keine Regeln, an die man sich halten konnte. Vorsicht und Zurückhaltung waren die wichtigsten Elemente des Verhaltens. Aber was bei uns Zurückhaltung ist, mag im Iran schon Vorwitz sein. Wie gut, dass ich so viele freundliche, liebenswerte, hilfsbereite Menschen getroffen habe! Sie zu erleben und die Studenten zu unterrichten, hat sich wirklich gelohnt!

Mein Dank und meine Hochachtung gilt an dieser Stelle nicht nur meinem Dolmetscher und meinen Kollegen Peyman Shariati, seiner Frau Afsaneh und den vielen anderen, sowie dem Direktor der Theaterakademie Iradj Mohammadi, sondern besonders dem Direktor Ali Akbar Tarkhan des Internationalen Fadjr-Festivals, einem Theaterfestival, das mir Einblick in das Theatergeschehen des Iran gab. Die Arbeit der Helfer und Koordinatoren – Männer wie Frauen – grenzte an Wunder. Notfalls arbeiteten sie Tag UND Nacht. Es war ein Festival, das hervorragend organisiert, vorbereitet und durchgeführt wurde. Jede Bühne wurde sorgfältig mit dem versorgt, was sie im Vorfeld erbeten hatte. Das ist selten und muss hier besonders hervorgehoben werden.

Ob ich noch einmal die Gelegenheit haben werde, in den Iran zu reisen und meinen Unterricht fortzusetzen, hängt nicht allein von mir ab. Sollte ich die Gelegenheit bekommen, werde ich sie mit großer Freude wahrnehmen – allen Unkenrufen meiner hiesigen besorgten Freunden zu Trotz. Die Freundlichkeit, die Gastfreundschaft und die Wissbegierde der Menschen haben mich bezaubert.

Hier habe ich noch ein Exotikum, was hier fast keiner lesen kann, ich aber besonders schön finde (es steht nur Lob drin, wurde mir von meinem Dolmetscher gesagt).
Es handelt sich um eine Interview.

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